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Es
hätte die Vernunft das Ruder gern erfasst;
doch an des
Sturmes Spiel zerschellte ihr Bemühn,
und meine Seele tanzte,
ein Lastkahn ohne Mast,
tanzte auf ungeheurem, endlosem Meer
dahin!
Charles
Baudelaire:
Die
Blumen des Bösen: Die sieben Greise
In
einer Stadt ist alles geplant. Das hat seine Vor- und Nachteile.
Alles erfüllt einen - guten oder schlechten - Zweck, dient der
Bequemlichkeit oder der Zierde.
Die Natur dagegen verfolgt keine
Absicht. Sie legt es nicht darauf an, etwas zu tun, etwas
hervorzubringen oder etwas zu erreichen.
Und sie bringt doch so
viel hervor. Allerdings unterscheidet sich ihre Art, das zu tun, um
Allgemeinen gänzlich von der Methode des Menschen. Unser Handeln
entspringt meist unseren Absichten, unseren Sehnsüchten, unserem
Versuch, bestimmte Situationen herbeizuführen, und unserem
Wunsch, andere Situationen zu vermeiden. Im Gegensatz dazu steht
hinter dem, was die Natur hervorbringt, weder Zweck noch Absicht oder
Willen. Das liegt daran, dass es nichts außerhalb ihrer selbst
gibt, wonach sie streben oder wogegen sie kämpfen könnte
Steve
Hagen: Buddhismus im Alltag
Beruf Erdbeben
Das
Erdbeben kam nicht mit seinem klirrenden Gefolge von Glas, noch mit
seinem Ranzen voller Gründe. Unmerklich stahl es sich von Haus
zu Haus, vorsichtig, auf Samtpfoten, und klopfte Ecken und Türen
ab. Wer in der obersten Etage schlief, hörte die sporadischen
Schläge, mit denen es die Statik des Bauwerks prüfte, ein
schwaches bumm, bumm, bumm, das die meisten für das Pochen in
ihrer eigenen Brust hielten. Es glich dem ersten Geräusch der
Welt, noch frei von jeder Unreinheit.
Das Beben machte sich emsig
im ganzen Gebäude zu schaffen , durchlief das Mauerwerk, nahm
sich Dächer und Pfeiler vor, entwarf Pläne, steckte Routen
ab.
Doch nicht genug damit, es drang auch durch die Nase bis zum
Herzen der Hausbewohner vor, studierte Stoffwechsel und
Widerstandskraft eines jeden Organismus und ortete die Schwachpunkte,
die nachgiebigsten Stellen, immer auf der Suche nach der arglosen
Glätte, die es aufbrechen, der Weichheit, die es durchdringen
konnte.
Dann widmete es sich eine lange Zeit, meist an die zehn
bis fünfzehn Jahre und nunmehr aus dem Untergrund heraus, der
Ausarbeitung seiner Route. Eine einzige Fron aus Millimeterarbeit und
endlosen Proben, damit in der entscheidenden Stunde nichts den Weg
versperrte. Un dann das Schwierigste, der Punkt, an dem viele Beben
nach einem Leben geduldigen Sondierens schließlich aufgaben:
wenn es galt, die Untergrunddaten mit denen der Oberfläche in
Einklang zu bringen und zu einer vollständigen, wirklichen
Wahrheit zusammenzusetzen. Es nützt schließlich nichts,
die Erde beben zu lassen (das schafft das lausigste Erdbeben, wenn es
nur den Rücken lüpfte), solange dort oben nicht eine
bestimmte Anzahl von Herzen erlöschen, solange andere nicht
entflammen, bis sie bersten, solange weder Verwandlungen noch
Verrenkungen oder Lähmungen die Folge sind.
Es war also
notwendig, zu den Anfangsdaten zurückzukehren, sie Schritt für
Schritt mit dem Pfad- und Tatbestand des Untergrunds zu vergleichen,
Routen zu berichtigen und die Intensität der Vorstöße
zu berechnen, wobei bisweilen auf eine reiche Beute verzichtet werden
musste (zum Beispiel eine vollbesetzte Kirche an einem
Sonntagmittag). Es mussten Ziele ausgewählt, die jeweilige Dauer
festgelegt, Abkürzungen kalkuliert, Prioritäten gesetzt und
eingehalten werden. In erster Linie also eine umfassende,
gewissenhafte, chirurgisch präzise Arbeit, die einer gewissen
Eleganz nicht entbehrte. Und vor allem musste es sein Feuer mit einem
Mal abbrennen, mit einem einzigen Pinselstrich ein großes Werk
hervorzaubern, nicht einen bloßen Zwischenfall. Denn nur wenige
Erdbeben bekamen eine zweite Chance, und wenn doch, dann waren die
beim ersten Anlauf vergeudeten Kräfte auf immer dahin.
Bumm,
bumm, bumm erklang es mal auf dem Dach mal im eigenen Herzen. Sicher
überprüfte das Beben gerade die Festigkeit der Mauern,
suchte sich die geeignetsten Risse und drang, fein wie eine Nadel, in
die Körper der Mieter ein, um durch ihre Blutbahnen zu reisen
und auch dort den Boden für künftige Erosionen zu bereiten.
Ein einziger Ruhetag, und weite Wissensgebiete waren verwüstet,
es musste neue Routinen ersinnen und sich für immer den
Stärkegrad aus dem Kopf schlagen, mit dem es so lange in seinen
Laborbüchern geliebäugelt hatte.
Um nicht wegen Klumpen
oder allzu dichter Materiekonzentration Terrain zu verlieren, harrte
ein Beben manchmal unbeweglich im Erdreich aus und wartete auf
günstige Verschiebungen im Untergrund. Das durfte man sich nicht
entgehen lassen. Die Feinfühligsten unter den Mietern spürten
seine Anwesenheit unter dem Haus und sagten:
"Ein Erdbeben
hat bei uns Station gemacht. Es wartet darauf, das sich eine
Erdspalte öffnet."
Und mit Spitzhacken rissen sie das
Straßenpflaster auf, um sich das Beben anzuschauen. Für
gewöhnlich erschien in zehn oder fünfzehn Metern Tiefe sein
dunkler Rücken, irgendwie geschuppt und glitschig, von
unberechenbaren Ausmaßen und vollkommen erstarrt. Man
beobachtete es ängstlich, in Erwartung, dass sich eine Schuppe
regte.
Fabio Morábito: Die langsame Wut
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Wir Menschen sind geblieben, wie wir seit Millionen von Jahren waren - im höchsten Maße gierig, neidisch, aggressiv, eifersüchtig, ängstlich und verzweifelt, mit gelegentlichen Ausbrüchen der Freude und der Zuneigung. Wir sind eine seltsame Mischung von Hass, Furcht und Freundlichkeit. Wir sind gewalttätig und auch friedfertig. Der äußere Fortschritt hat uns vom Ochsenkarren bis zum Düsenflugzeug geführt; aber innerlich hat sich das Individuum überhaupt nicht geändert, und dieses Individuum hat die Struktur der Gesellschaft in der ganzen Welt geschaffen. Das äußere soziale Gefüge ist das Ergebnis der inneren psychologischen Struktur unserer menschlichen Beziehungen, denn das Individuum ist das Resultat der gesamten Erfahrungen, des gesamten Wissens und Verhaltens des Menschen. Jeder von uns ist das Lagerhaus der ganzen Vergangeheit. Das Individuum ist das Wesen, das die ganze Geschichte in sich trägt. Die gesamte Geschichte des Menschen ist in uns niedergeschrieben.
Beobachten Sie, was sich wirklich in Ihnen und in der Außenwelt abspielt - in dieser Wettbewerbsstruktur, in der Sie leben, mit ihrem Verlangen nach Macht, Position, Einfluss, Namen, Erfolg und allem Drum und Dran. Betrachten Sie die Leistungen, auf die Sie so stolz sind, den ganzen Bereich, den Sie Leben nennen, in dem alle Beziehungen voller Konflikte sind, die Hass, Widerstreit, Brutalität und endlose Kriege erzeugen. Dieser Bereich, dieses Leben ist alles, was wir kennen, und da wir unfähig sind, den gewaltigen Dasesinskampf zu begreifen, fürchten wir uns natürlich davor und spüren die verborgensten Möglichkeiten auf, um zu entrinnen. Wir fürchten uns auch vor dem Unbekannten, fürchten uns vor dem Tode, fürchten uns vor dem, was hinter dem Morgen liegt. Wir fürchten uns vor dem Bekannten und fürchten uns vor dem Unbekannten...
Jiddu
Krishnamurti, Einbruch der Freiheit
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