lukrezia [feat the evil twins]

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Wenn Kunst uns dazu bringt, sich an ihr zu beteiligen,
wenn ein Film uns innerlich anrührt, lernen wir - auch ohne Worte - etwas über uns selbst. Aber in zunehmendem Maße sind wir einer Welt ausgesetzt, durch die wir unser Inneres nicht erkennen können. Unser Leben wird zu Sequenzen vorgeformter Reaktionen anstelle empfundenen Erlebens. Und das Schnellfeuer der ständigen Umschaltungen wurde zum Ersatz für Gefühle. Wir haben keine Chance, bei uns selbst zu verweilen, über die Dinge nachzudenken. Alles wird uns "portionsgerecht" zum sofortigen Gebrauch dargeboten; auch vorgekaut. Dadurch haben keine Erfahrung mehr mit der Spannung als einer Quelle unseres eigenen Tuns.



Diejenigen unter uns, die noch empfindsam sind, die noch Sehnsucht nach einem anderen Ufer der Empfindung haben, also jende, die die Möglichkeit, einen anderen Menschen im vollen Bewußtsein seiner Individualität lieben zu können, nicht aufgegeben haben und auch nicht ihre Sehnsucht, auf gleiche Weise geliebt zu werden, bezahlen einen Preis. Oft fühlen sie sich entfremdet, leiden, ohne zu wissen warum, sind oft voller Angst, können im Leben oder beid er Arbeit versagen; sie werden, auf welche Art auch immer, zu Außenseitern.

Arno Grün: Der Verrat am Selbst
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Es hätte die Vernunft das Ruder gern erfasst;
doch an des Sturmes Spiel zerschellte ihr Bemühn,
und meine Seele tanzte, ein Lastkahn ohne Mast,
tanzte auf ungeheurem, endlosem Meer dahin!


Charles Baudelaire:
Die Blumen des Bösen: Die sieben Greise

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In einer Stadt ist alles geplant. Das hat seine Vor- und Nachteile. Alles erfüllt einen - guten oder schlechten - Zweck, dient der Bequemlichkeit oder der Zierde.
Die Natur dagegen verfolgt keine Absicht. Sie legt es nicht darauf an, etwas zu tun, etwas hervorzubringen oder etwas zu erreichen.
Und sie bringt doch so viel hervor. Allerdings unterscheidet sich ihre Art, das zu tun, um Allgemeinen gänzlich von der Methode des Menschen. Unser Handeln entspringt meist unseren Absichten, unseren Sehnsüchten, unserem Versuch, bestimmte Situationen herbeizuführen, und unserem Wunsch, andere Situationen zu vermeiden. Im Gegensatz dazu steht hinter dem, was die Natur hervorbringt, weder Zweck noch Absicht oder Willen. Das liegt daran, dass es nichts außerhalb ihrer selbst gibt, wonach sie streben oder wogegen sie kämpfen könnte


Steve Hagen: Buddhismus im Alltag





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Beruf Erdbeben

Das Erdbeben kam nicht mit seinem klirrenden Gefolge von Glas, noch mit seinem Ranzen voller Gründe. Unmerklich stahl es sich von Haus zu Haus, vorsichtig, auf Samtpfoten, und klopfte Ecken und Türen ab. Wer in der obersten Etage schlief, hörte die sporadischen Schläge, mit denen es die Statik des Bauwerks prüfte, ein schwaches bumm, bumm, bumm, das die meisten für das Pochen in ihrer eigenen Brust hielten. Es glich dem ersten Geräusch der Welt, noch frei von jeder Unreinheit.
Das Beben machte sich emsig im ganzen Gebäude zu schaffen , durchlief das Mauerwerk, nahm sich Dächer und Pfeiler vor, entwarf Pläne, steckte Routen ab.
Doch nicht genug damit, es drang auch durch die Nase bis zum Herzen der Hausbewohner vor, studierte Stoffwechsel und Widerstandskraft eines jeden Organismus und ortete die Schwachpunkte, die nachgiebigsten Stellen, immer auf der Suche nach der arglosen Glätte, die es aufbrechen, der Weichheit, die es durchdringen konnte.
Dann widmete es sich eine lange Zeit, meist an die zehn bis fünfzehn Jahre und nunmehr aus dem Untergrund heraus, der Ausarbeitung seiner Route. Eine einzige Fron aus Millimeterarbeit und endlosen Proben, damit in der entscheidenden Stunde nichts den Weg versperrte. Un dann das Schwierigste, der Punkt, an dem viele Beben nach einem Leben geduldigen Sondierens schließlich aufgaben: wenn es galt, die Untergrunddaten mit denen der Oberfläche in Einklang zu bringen und zu einer vollständigen, wirklichen Wahrheit zusammenzusetzen. Es nützt schließlich nichts, die Erde beben zu lassen (das schafft das lausigste Erdbeben, wenn es nur den Rücken lüpfte), solange dort oben nicht eine bestimmte Anzahl von Herzen erlöschen, solange andere nicht entflammen, bis sie bersten, solange weder Verwandlungen noch Verrenkungen oder Lähmungen die Folge sind.
Es war also notwendig, zu den Anfangsdaten zurückzukehren, sie Schritt für Schritt mit dem Pfad- und Tatbestand des Untergrunds zu vergleichen, Routen zu berichtigen und die Intensität der Vorstöße zu berechnen, wobei bisweilen auf eine reiche Beute verzichtet werden musste (zum Beispiel eine vollbesetzte Kirche an einem Sonntagmittag). Es mussten Ziele ausgewählt, die jeweilige Dauer festgelegt, Abkürzungen kalkuliert, Prioritäten gesetzt und eingehalten werden. In erster Linie also eine umfassende, gewissenhafte, chirurgisch präzise Arbeit, die einer gewissen Eleganz nicht entbehrte. Und vor allem musste es sein Feuer mit einem Mal abbrennen, mit einem einzigen Pinselstrich ein großes Werk hervorzaubern, nicht einen bloßen Zwischenfall. Denn nur wenige Erdbeben bekamen eine zweite Chance, und wenn doch, dann waren die beim ersten Anlauf vergeudeten Kräfte auf immer dahin.
Bumm, bumm, bumm erklang es mal auf dem Dach mal im eigenen Herzen. Sicher überprüfte das Beben gerade die Festigkeit der Mauern, suchte sich die geeignetsten Risse und drang, fein wie eine Nadel, in die Körper der Mieter ein, um durch ihre Blutbahnen zu reisen und auch dort den Boden für künftige Erosionen zu bereiten. Ein einziger Ruhetag, und weite Wissensgebiete waren verwüstet, es musste neue Routinen ersinnen und sich für immer den Stärkegrad aus dem Kopf schlagen, mit dem es so lange in seinen Laborbüchern geliebäugelt hatte.
Um nicht wegen Klumpen oder allzu dichter Materiekonzentration Terrain zu verlieren, harrte ein Beben manchmal unbeweglich im Erdreich aus und wartete auf günstige Verschiebungen im Untergrund. Das durfte man sich nicht entgehen lassen. Die Feinfühligsten unter den Mietern spürten seine Anwesenheit unter dem Haus und sagten:
"Ein Erdbeben hat bei uns Station gemacht. Es wartet darauf, das sich eine Erdspalte öffnet."
Und mit Spitzhacken rissen sie das Straßenpflaster auf, um sich das Beben anzuschauen. Für gewöhnlich erschien in zehn oder fünfzehn Metern Tiefe sein dunkler Rücken, irgendwie geschuppt und glitschig, von unberechenbaren Ausmaßen und vollkommen erstarrt. Man beobachtete es ängstlich, in Erwartung, dass sich eine Schuppe regte.

Fabio Morábito: Die langsame Wut

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Wir Menschen sind geblieben, wie wir seit Millionen von Jahren waren - im höchsten Maße gierig, neidisch, aggressiv, eifersüchtig, ängstlich und verzweifelt, mit gelegentlichen Ausbrüchen der Freude und der Zuneigung. Wir sind eine seltsame Mischung von Hass, Furcht und Freundlichkeit. Wir sind gewalttätig und auch friedfertig. Der äußere Fortschritt hat uns vom Ochsenkarren bis zum Düsenflugzeug geführt; aber innerlich hat sich das Individuum überhaupt nicht geändert, und dieses Individuum hat die Struktur der Gesellschaft in der ganzen Welt geschaffen. Das äußere soziale Gefüge ist das Ergebnis der inneren psychologischen Struktur unserer menschlichen Beziehungen, denn das Individuum ist das Resultat der gesamten Erfahrungen, des gesamten Wissens und Verhaltens des Menschen. Jeder von uns ist das Lagerhaus der ganzen Vergangeheit. Das Individuum ist das Wesen, das die ganze Geschichte in sich trägt. Die gesamte Geschichte des Menschen ist in uns niedergeschrieben.

Beobachten Sie, was sich wirklich in Ihnen und in der Außenwelt abspielt - in dieser Wettbewerbsstruktur, in der Sie leben, mit ihrem Verlangen nach Macht, Position, Einfluss, Namen, Erfolg und allem Drum und Dran. Betrachten Sie die Leistungen, auf die Sie so stolz sind, den ganzen Bereich, den Sie Leben nennen, in dem alle Beziehungen voller Konflikte sind, die Hass, Widerstreit, Brutalität und endlose Kriege erzeugen. Dieser Bereich, dieses Leben ist alles, was wir kennen, und da wir unfähig sind, den gewaltigen Dasesinskampf zu begreifen, fürchten wir uns natürlich davor und spüren die verborgensten Möglichkeiten auf, um zu entrinnen. Wir fürchten uns auch vor dem Unbekannten, fürchten uns vor dem Tode, fürchten uns vor dem, was hinter dem Morgen liegt. Wir fürchten uns vor dem Bekannten und fürchten uns vor dem Unbekannten...


Jiddu Krishnamurti, Einbruch der Freiheit



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Ausstellung "mea culpa?"



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