lukrezia [feat the evil twins]

HOME     BIOGRAFIE     ARBEITEN     AUSSTELLUNGEN
PRESSE      FOTOS      TEXTE



Ausstellung "mea culpa?"



Seiten 1/2/3/4/5

««
»»




























































































































Christian Woman

A cross upon her bedroom wall.
From grace she will fall.
An image burning in her mind.
And between her thighs.

A dying God-man full of pain.
When will you come again?
Before him beg to serve or please.
On your back or knees.
There's no forgiveness for her sins.
Prefers punishment?
Would you suffer eternally.
Or internally?

For her lust.
She'll burn in hell.
Her soul done medium well.
All through mass manual stimulation.
Salvation.

Body of Christ.
She needs.
The body of Christ.

She'd like to know God.
Ooh love God.
Feel her God.
Inside of her - deep inside of her.

Jesus Christ looks like me.

Type-O-Negative, Christian Woman



---------------------------

In der Dusche war seit dem ersten Tag eine riesige Spinne, die sich nicht bewegte. Er konnte sich also nicht duschen. Aber dafür konnte er, so oft er wollte hingehen und die reglose Spinne anschauen. Er hatte das Gefühl, sie zeige ihm, wie man sich am besten verhalte.

Aber irgendwie hatte Horn dann alles falsch gemacht. Er hatte nicht Schritt gehalten mit seinem Abstieg. Jetzt war es zu spät. Zum Glück. Er konnte sich anstrengen wie er wollte, er brachte einfach keinen freundlichen Gedanken mehr zustande. Er spürte nur noch, dass man sich vor ihm in acht nehmen musste. Er kam sich gefährlich vor. Mies und gefährlich. Und er hatte nichts dagegen. Auch dass er sich verachtete, war ihm recht. Endlich Harmonie. Sowas hatte er noch nie gehabt. Eine beschissene Existenz stinkt sich. Wunderbar. Er hörte es direkt klingen in seinem Kopf. Und in den Ohren rauschte es harmonisch.

Er hatte das Gefühl, sein Gesicht fließe abwärts. Es war auf jeden Fall wieder schwer. Es hing. Er spürte, wie sein hängendes fließendes Gesicht immer noch schwerer wurde. Er hatte das Gefühl, sein Gesicht sei völlig verformt. Auf mich wirke ich zerquetscht, sagte er. Er sehnte sich nach einem strengen, engsitzenden, leicht auf den Knochen liegenden Gesicht. Wünsche hat man. Er fuhr sich mit den Nägeln durch das Gesicht, bis er einen Widerstand fand. Daran kratzte er solange herum, bis er Blut spürte. Das wollte er im Spiegel sehen. Er ging ins Bad. Das verschmierte Blut sah nicht gut aus in seinem Gesicht. Und wo war die braune Stelle an der linken Schläfe, die schäumende oder doch siedende oder wenigstens feuchte? Es machte ihm keinen Spaß sein Gesicht genauer anzuschauen. Schon die Farbe. Ein fürchterliches Gemisch aus blasser Farblosigkeit, Blau und Rot. Und die Nase. Thiele schaute ihm jedes Mal, wenn sie einander gegenübertraten, zuerst auf den Bauch, dann auf die Nase. Horn hatte schon überlegt, ob er die Nase pudern sollte. Er gab sich einen Ruck, sah seinem Spiegelbild voll ins Gesicht. Wenn die Widerlichkeit dieses Anblicks noch durch etwas gesteigert werden könnte, dann dadurch, dass dieses fettige, verquollene, wehleidige Gesicht noch zu grinsen anfinge. Und wie auf Befehl, produzierte sein Gesicht sofort das scheußlichste Grinsen. Mein Gott, wenn das immer, wenn er gegrinst hatte, so ausgesehen hatte. Kein Wunder, das Thiele unter diesem Grinsen gelitten hatte. Horn hatte plötzlich nicht mehr das Gefühl, dass er der sei, der aus dem Spiegel herausgrinste. Auf jeden Fall könnte der im Spiegel ganz ruhig anschauen, beurteilen. Der machte ihm nichts mehr vor. Und selbst wenn er sich eingestand, dass er der im Spiegel war, so war er doch unbestreitbar auch der vor dem Spiegel, der nichts so scharf empfand wie die Widerlichkeit seines Pendants im Spiegel. Da Horn wusste, dass er eine richtige Trennung von sich, eine vollkommene Verurteilung seiner selbst auch dann nicht schaffen würde, wenn alle Beweise danach schrien, drängte er danach, sich mit dem im Spiegel wieder zu versöhnen. Ist doch ein- und derselbe Scheisskerl, sagte er laut, im und vor dem Spiegel. Das Akustische und die Beobachtung, dass er mit dem im Spiegel synchron sprach, fügten ihn wieder zusammen. Man wird sich doch noch zuwider sein dürfen, sagte er. Alles was recht ist, sagte er. Scheisse, wem Scheisse gebührt. Und obwohl er saht, dass jeder Satz seinem Gesicht einen noch groteskeren, noch widerlicheren Ausdruck zufügte, sprach er weiter. Er hatte das Gefühl, er sei ausgerutscht und könne sich einfach nirgends mehr festhalten. Er sprach jetzt sogar im großen Ton. Wie zu Leuten. Da aber reicht sich, sagte er, der über und über Beschissene endlich die Hand und führt sich langsam, aber unaufhaltsam aus der Scheisse hinaus.
Hast du vielleicht Schiss, fragte er sich.
Oh nein, antwortete er. Schiss überhaupt nicht, im Gegenteil.
Was also hast du, forschte er.
Schneid, antwortete er sich.

Martin Walser, Jenseits der Liebe

---------------------------

Fleischschuld

Auch wenn dieser Raum sicherlich schon unzählige Schreie beheimatet hat, so sind es immer wieder die wimmernden Laute von Kindern, die das Grauen, der bei der Bestrafung anwesenden Zeugen, geistig überwuchern.

Kleine Finger umfassen vorsichtig das dreieckige, rasierklingenscharfe Messer und treiben es in das eigene Fleisch. Jedes Kind versucht zuerst sich schonend zu bestrafen, doch das Gesetz fordert immer die korrekte Einhaltung des Tributes an eigenem Fleisch.

Was zählt ist jene blutige Masse bestraften Lebens, welches auf der Waage zu Protokoll genommen werden kann. Schürfwunden wiegen nichts, nur rohes Fleisch, Haut, Knochen und Fettgewebe gelten als Sühneopfer. Je schwerer die Tat im Angesicht der Staatsgewalt, um so tiefer muss der Delinquent die Dreieckklinge in den eigenen Körper treiben. Die Selbstverstümmelung ist neben unterschiedlichen Formen der Todesstrafe die einzige Form der Sühne.

Egal ob Mann, Frau, Kind oder Greis, das Gesetz trifft jeden.

Bei Diebstahl von Lebensmitteln, oder Konspiration ist die Fleischsühne oft so groß, dass der Verurteilte an seinem eigenen Körper Amputationen vornehmen muss.

Es ist schon ein bizarrer Anblick, wenn Kinder ihre kleinen Ärmchen vom Körper abtrennen um für ein gestohlenes Stück Brot oder eine Konserve Obst zu sühnen.
Schon so manch Zwölfjähriger musste mit seinen Unterschenkeln für eine unbedachte Äußerung auf dem Hof einer Erziehungsanstalt bezahlen.

Gerechte Schreie gab es nur selten, denn eine Schuld nachzuweisen fiel den Behörden viel leichter, als es den Delinquenten möglich war, ihre Unschuld zu beweisen.

Die Gesellschaft wollte Sühne, und viele Menschen genossen es sogar, den Bestrafungen beizuwohnen. Bei Kindern mussten die Menschen fast immer gezwungen werden, der Tilgung der Fleischschuld beizuwohnen. Die Menschen betrachteten lieber die blauen Bilder, die das Grauen mundgerecht und steril frei Haus lieferten.

Und das alles in einer Gesellschaft von Vegetariern, denn Tiere gab es seit Jahrzehnten nicht mehr. Es war irgendwann unmöglich geworden, mit der vorhandenen pflanzlichen Nahrung, Mensch und Tier das Überleben zu gewährleisten. Das Tier starb vor dem Menschen aus, wer hätte das gedacht, doch ein Großteil der Bevölkerung trat dafür an seine Stelle.

Amputationen überlebten nur wenige Erwachsene und kaum ein Kind, es sei denn die eigene Mutter oder ein sonstiger naher Verwandter übernahm einen Teil der Fleischschuld, durch Verstümmelung des eigenen Körpers. Eine Gnade, die aber nur Kindern und Schwangeren gewährt wurde. Letztere konnten ihre Schuld auch mit dem Fleisch ihres ungeborenen Lebens sühnen.

Mit Schmerzen zu bezahlen? Ein Stück Fleisch eigenhändig aus dem eigenen Körper schneiden. Mit seinem Leib zu sühnen, für Taten oder auch nur ausgesprochene Gedanken.

Ethisch degenerierten Kindern gehen irgendwann mit ihrem Kollektiv zugrunde.


Goethes Erben, Nichts bleibt wie es war




nach oben
zurück ««
nächste seite  »»